„It just works“ – Das Cloud-Gefängnis

In den letzten Wochen ist das Thema der Clouds dank Apple wieder mal vordergründig. Das Versprechen von Steve Jobs „It just works“ impliziert hierbei zwei Dinge: zum einen muss sich der Nutzer keine Gedanken machen, wie das ganze funktioniert. Zum anderen muss sich der Nutzer auch keine Sorgen machen, dass etwas schlimmes mit seinen Dateien und Daten passieren könnte. Klingt das nicht zu gut um wahr zu sein? Ja gerade wie ein Heilsversprechen?

Mit Blick auf die Vergangenheit, ist es in der Tat keine schlechte Sache, wenn man eine Möglichkeit hat Backups zu erstellen und Dateien mit anderen zu Teilen. Wer erinnert sich nicht an die grauen Vorzeiten, in denen man immer wieder speichern und im Zweifel seine Arbeit auf eine Diskette kopieren musste. Heute kann man Google Docs nutzen. Kein Speichern oder eine Diskette nötig. Alles als Software-Service in einer Cloud. Und der Rechner? Der wird zur Nebensache. Die von Google vorgestellten Chromebooks sind so gesehen der logische Schritt: alle Software kommt aus einer Cloud. Daher wirbt Google ja auch damit, dass mit dem Gerät alles passieren kann, jedoch die Daten sicher sind. Auch Amazon sollte man als großen Anbieter an dieser Stelle nennen, der vor kurzen ein Angebot hat, mit dem man seine Musiksammlung in die Cloud laden kann und sie sich dann auf seine Geräte streamt.

„Cloud.“ Dieses Wort klingt nach Leichtigkeit, Freiheit und Transparenz. Das ist zuweilen eine sehr raffinierte Metapher, die die eigentliche Funktion verdeckt: Clouds binden Nutzer. Dadurch, dass der Nutzer seine Daten bei einem Unternehmen hinterlegt, werden verschiedene Mechanismen wirksam, die den Nutzer an das Unternehmen binden. Zum einen habe ich als Nutzer nur einen Weg um an meine Daten zu kommen: über den Anbieter. Dieser ist daher wörtlich gesprochen nicht eine gemietete Garage, sondern zugleich ihr Wärter. Im Fall der Chromebooks hat dieser Wärter auch gleich noch den Schlüssel zu meiner Hardware.

Die Einfachheit, mit der Anbieter erfolgreich immer mehr Kunden in ihre Cloud-Dienste locken (häufig eben auch ohne Nutzungsgebühr), ist der Schlüssel für den Erfolg für diese Technologie. Dadurch werden zugleich die Speichergrößen in der Hardware gering gehalten und können sogar reduziert werden. Somit werden diese Geräte wiederum potentiell günstiger und mehr Menschen können sich diese Hardware leisten. Was jedoch dabei vergessen wird ist, dass der Nutzer hinsichtlich dieser Entwicklung immer weniger Mitspracherecht hat, wo und wie seine Daten verwaltet werden; es funktioniert einfach. Jedoch ist der Preis dafür, dass der Nutzer eben nicht mehr der alleinige Herr über seine Daten ist. Vielmehr ist es so, dass der Nutzer wirklich tiefgreifend gebunden wird. Ist er (rein hypothetisch gedacht) vollkommen in der Cloud, so muss er sich der Software, die er zum Bearbeiten seiner benötigt, anpassen. Natürlich kann man sich daran gewöhnen. Zuweilen ist es ja auch sehr bequem gestaltet.

Mit Blick auf Foucault, der das Gefängnis in seiner disziplinierenden Wirkung untersucht hat, muss man sagen, dass die Cloud eine sehr raffinierte Form dieser Technologie der Macht darstellt. Zum einen gewöhnt es die Nutzer durch seine Einfachheit sehr schnell an sich. So gesehen ist es eine von Außen betrachtet sehr einladende Form des Gefängnisses (aka Honeypot), da man es im Gegensatz zum richtigen Gefängnis nicht sehen kann. Und genau in diesem Unsichtbaren liegt auch die Macht der Cloud. Der Nutzer hat keine Möglichkeit irgendetwas an der Cloud selbst zu verändern. Im Gegenteil. Durch neue Funktionen wie Gesichts- und Texterkennung, Annotationen usw. nimmt die Cloud dem Nutzer Arbeit ab und macht Vorschläge, wie man es einfacher und damit „besser“ machen könnte. Mit Blick auf Apples iCloud lassen sich ähnliche Tendenzen wie bei bei den Chromebooks erkennen. Apple verspricht, dass jeder Apple-Nutzer (um den Dienst zu nutzen muss man ja eine Apple-ID haben) seine gekaufe(n) Musik, Apps, Bücher, seine Mails und Kalenderdaten von Gerät zu Gerät per iCloud austauschen kann. Und das auch noch ohne dafür Geld zu bezahlen. Da fragt man sich doch als normaler Mensch: „Wo ist denn da der Haken?“ Der Haken ist der, dass Apple durch seine Nutzungsbedingungen, die Apple jederzeit anpassen kann, bestimmt, welche Software, Musik, Bücher usw. der Nutzer benutzen darf. In diesem Sinne muss der Nutzer zwangsweise die veränderten Nutzungsbedingungen annehmen, sonst kann er z.B. kein iTunes mehr nutzen. Durch die iCloud fällt der alte Media-Hub iTunes weg. Alles funktioniert automatisch über die Cloud. So auch Updates. Durch diesen Zwang zum Update, wird dem Nutzer wieder ein Stück Freiheit (die der Wahl) genommen. Auf der anderen Seite passen sich auch App-Entwickler dem Willen Apples an. Es gibt keine Pornographie, keine Apps die auf Flash basieren usw. Daher normalisiert (im Sinne einer Normung) sich der Entwickler wie auch der Kunde. In diesem Sinne stellt Apple eine neue und besondere Qualität dieser Zwangsmechanismen dar, die sich auch bei anderen Anbietern durchsetzen. Auch beim „freien“ Ubuntu gibt es den Dienst Ubuntu One, über den man (dank kostenfreien 2 GB Speicherplatz in der Cloud inkl. Musikladen) seine Daten mit anderen Geräten synchronisieren kann. Der Trick dabei ist, dass man Ubuntu braucht (ein Windows-Client ist geplant) um den Dienst kostenfrei zu nutzen. Will man mobil (sprich über sein Smartphone) darauf zugreifen, so muss man monatlich rund 4 Dollar zahlen.

Die Cloud hat viele Formen. Das Versprechen, dass sie vieles einfacher macht und einfach so funktioniert, mag stimmen. Dazu kommt, dass grundlegende Cloud-Dienste meist kostenfrei angeboten werden. Mit dieser Kostenfreiheit und Einfachheit ist zugleich ein tiefgreifender Zwang verbunden, auf den ich in diesem Beitrag hingewiesen habe. Die Daten des Nutzers werden daher durch den Ausbau und die Nutzung von Cloud-Diensten keinesfalls freier. Vielmehr wird immer unbestimmter, wo meine Daten sind und wer diese eigentlich kontrolliert. Dieser Beitrag soll nun kein grundsätzliches Plädoyer gegen den Grundgedanken der Cloud bzw. des Cloudcomputing sein, dass man durch diese Technologie bzw. diese Technologien jederzeit und überall auf seine Daten zugreifen und diese bearbeiten kann. Vielmehr geht es mir um den Zwang, den diese Technologie (im Zusammenspiel mit kommerziellen Interessen) offensichtlich mit sich bringt und die Nutzer fortschreitend unmündig macht.

jm2c…how about yours?

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Ein Gedanke zu „„It just works“ – Das Cloud-Gefängnis

  1. Ich neige ja nach fast 30 Jahren in der Matrix generell zum Ball flachhalten was neue Technologie angeht, vor allem wenn sie im Trend liegt. Die Entscheidungsfreiheit ist imho nicht in Gefahr, neben Apple und Google gibt’s ja durchaus noch zahlreiche andere Dienste in der Wolke (der Begriff ist zweifellos ein genialer Marketingschachzug), die aber alle mit vergleichbaren Problemen zu kämpfen haben, vor allem Datenschutz. Und dann gibt’s ja auch noch die Möglichkeit die Daten weiter vom Netz fernzuhalten und selbst zu horten, was natürlich weder en vogue noch praktisch ist. 🙂

    Eine Einschränkung der Handlungsfreiheit gibt es allerdings und das liegt an einer ganz grundlegenden Asymetrie im Netz, die allerdings so normal scheint, dass sie kaum jemandem auffällt und das ist die Anbieter/Nutzer-Trennung (gibt’s sicher einen schöneren Begriff für). Dem Internet ist das Rollenverhalten auf technischer Ebene eigentlich Wurst, trotzdem haben wir noch zuhauf asymetrische Datenanbindung (wie DSL) seitens der ISPs, die den Privatnutzer zwangsläufig zum Konsumenten abstempelt. (Viel) Mehr Down- als Upload.
    Idealerweise müsste sich jeder seinen eigenen Server ins Hause stellen können und damit seine eigene Wolke, auf die er von überall her zugreifen kann. Ob daraus nun die passive Haltung der Nutzer resultiert oder ob die schon vorausgesetzt werden darf? Natürlich hat das auch mit technischer Kompetenz zu tun, wenn es allerdings technisch sinnvoll möglich wäre, würden sich die Hardwarehersteller schon bemühen, kleine wolkige Boxen zu zimmern, die man zuhause gemütlich in Strom und Telefondose steckt und dann seine private Cloud hat. Da hat man den Datenträger immer unter Kontrolle.

    Andererseits: Meine Wohnung gehört mir auch nicht. Die ist gemietet und trotzdem darf der Vermiter nicht machen, wonach ihm gerade ist. Wir haben also durchaus Präzendenzfälle für Dienstleistungen, die gesetzlich zum Vorteil des Kunden geregelt sind. Würde mich also freuen, wenn noch während meiner Lebenszeit Gesetze für die Datenlagerung im Netz geschaffen würden, die dem Anbieter gewisse Pflichten abverlangt. Mal sehen, wer die Wolke als erstes an die Kette legt…

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