Die 4 Formen der Mediendidaktik – vom Erklären zum Verstehen?

„Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“ (Dilthey 1990, 144)

Im Kontext meiner Auseinandersetzungen mit den aktuellen Ausformungen von Mediendidaktik lässt sich zunächst feststellen, dass es nicht die EINE Mediendidaktik gibt, sondern vier (oder besser: viele) verschiedene Sichtweisen, denen wiederum verschiedene Selbstverständnisse und damit Lern- und Subjektverständnisse innewohnen, die das naturwissenschaftliche Erklärparadigma oder das geisteswissenschaftliche Verstehensparadigma verfolgen. Wobei dem ersten Paradigma bescheinigt werden muss, dass es das vorherrschende ist. Die folgende Systematisierung ist weder als letzter Schluss oder als Bevorzugung einer der Mediendidaktiken zu verstehen. Vielmehr versuche ich mit dieser Systematik die spezifischen Nuancen, Einschänkungen und Möglichkeiten aufzuzeigen. Es ist also vielmehr ein Diskussionsanlass.

Die technologisch-populistische Mediendidaktik (aka Ad-hoc-Didaktik)

Das Selbstverständnis:
Die technologisch-populistisch orientierte Mediendidaktik orientiert sich mit Blick auf die Konzeptionierung von Lernangeboten an kommerziellen Anbietern wie Google oder Netflix. Insofern ist der didaktische Kern implizit und richtet sich an entsprechenden populären Marketing- und niedrigschwelligen UX-Aspekten aus. Diese Orientierung zeigt sich vor allem in der Form, dass eigene Produktionen, Sicht- und Vorgehensweisen in den Kontext dieser großen und populären Anbieter gestellt werden. Dieses Modell zielt daher auf eine strukturelle Annäherung an die Konsumangebote sowie Medientends bei gleichzeitiger populistischer Loslösung von klassischen (medien)didaktischen Diskursen und Topoi ab.

Das Subjekt:
Die Lernenden werden in diesem Kontext als hochgradig proaktiv und eigenverantwortlich gesehen. Insofern muss das Subjekt die Fähigkeit mitbringen das Lernen gelernt zu haben. In diesem Sinne folgt dieses ideale Lernersubjekt der Ablehnung klassischer Bildungsinstitutionen und nimmt vor allem auch Angebote außerhalb dieses Kontextes (der offen aber auch kommerziell sein kann) wahr.

Die technologisch-funktionale Mediendidaktik (aka Steuerungsdidaktik)

Das Selbstverständnis:
Ähnlich wie die technologisch-populistische Mediendidaktik, richtet auch die technologisch-funktionale Mediendidaktik ihren Blick auf aktuelle Technologien und Trends. Dies jedoch mit einer expliziten didaktischen Intention. Diese Intention lässt sich auf die Formel reduzieren, inwiefern neue Technologien beim Lernen helfen können. Es wird daher weniger apriori gedacht, sondern ist mit einem entsprechenden methodisierten Forschungsset verbunden, die Aussagen über Lerneffekte mit diesen Medien treffen soll.

Das Subjekt:
Bei der technologisch-funktionalen Mediendidaktik lässt sich kein Subjekt im eigentlichen Sinne ausmachen, da der Fokus auf mediendidaktischen Leitfäden und Empfehlungen liegt.

Die hochschuldidaktische Mediendidaktik (aka Zeigefingerdidaktik)

Das Selbstverständnis:
Die hochschuldidaktisch orientierte Mediendidaktik schöpft ihr Selbstverständnis vor allem aus der Hochschuldidakik. Insofern werden Theorien und Methoden vor allem aus diesem Kontext bezogen mit der Erweiterung um den Einsatz von Medien. Insofern ist die Grenzziehung zwischen dieser Mediendidaktik und der Hochschuldidaktik unscharf und zu Teilen existieren große Überscheidungen. Insofern gibt es auch das innewohnende Ziel, die Mediendidaktik als eine Profession bzw. professionelle Praxis vor allem an Hochschulen zu etablieren. Diese Form der Mediendidaktik bildet daher einen Gegenpol zur technologisch-populistischen Mediendidaktik, indem sie Mediendidaktik noch stärker institutionalisieren möchte.

Das Subjekt:
Ja nach „Schule“ und präferierter Lerntheorie bzw. Methodenset kann das Subjekt als etwas Belehrbares oder als Konstrukteur eigenen Wissens gesehen werden. Manchmal gehen diese Blickweisen auf das Subjekt auch ineinander über.

Die bildungstheoretische Mediendidaktik

Das mögliche Selbstverständnis:
Mediendidaktik und Bildungstheorie haben über die Medienpädagogik einen besonderen, wenn auch m.E. größenteils unterbeleuchteten Bezugspunkt. Denn letztlich kann man die Mediendidakik auch als ein Bindeglied zwischen Erziehung und Bildung betrachten. Der Unterschied zu den anderen Ausformungen der Mediendidaktik liegt bzw. läge darin, dass hierbei erziehungswissenschaftliche Grundbegriffe mit in den Blick genommen werden, statt sich nur auf den Begriff des Lernens zu fokussieren. Das Feld einer möglichen bildungstheoretisch aufgehangenen Mediendidaktik wird derzeit vor allem versucht anhand eines an Humboldt orientierten Bildungsbegriffs auf- oder auch abzuhängen (wobei der Grad der theoretischen Auseinandersetzung ein sehr breites Spektrum aufweist). Es bleibt erst einmal festzuahlten, dass diese Form der Mediendidaktik bisher keine explizite Form gefunden hat, sondern nur als Möglichkeitsdiskussion geführt wird.
Lenkt man den Blick weg von Humboldt und hin zur aktuellen bildungstheoretischen Diskussion, so lassen sich für die mediendidaktische Diskussion durchaus produktive und kritische Elemente erkennen. Ein wesentliches Merkmal für moderene Bildungsbegriffe ist das Abrücken von Inhalten und die Fokussierung auf Transformationsprozesse von Selbst- und Weltverhältnissen (hier sind als beispielhafte Vertreter zu nennen: Marotzki, Kokemohr, Jörissen, Meder)1Nachtrag: Mediendidaktisch und bilungstheoretisch interessant ist hierzu auch das Programm von Markus Deimann, dass er in seiner Antrittsvorlesung eröffnet, sowie deren mögliche Bedingungen. Und an diesem Punkt wird Medien (hierbei kann man auch von medialen Strukturen, Medialitäten oder medialen Artikulationen sprechen) ein transformatives Potenzial zugeschrieben. Das klingt zunächst weniger nach einer mediendidaktischen Praxis. Mit Blick auf Dieter Baackes Entwurf eines Medienkomeptenzmodells wird hier deutlich, welches Potenziale einer bildungstheoretischen Mediendidaktik innewohnt. Durch die Auseinandersetzung mit Medien (explizit mit den baack’schen Lernaufgaben der Medienkritik, Medienkunde, Mediengestaltung und Mediennutzung, die er zusammen als Medienkompetenz versteht) würde letztlich ein Möglichkeitsraum für Bildung entstehen:

„Hier setzt die ergänzende Erschließung kraft des Begriffs ‚Bildung‘ ein, die darin bestände, daß die Unverfügbarkeit des Subjekts sich nach dessen eigenen generativen Ausdrucksmustern entfaltet, ohne durchweg immer pädagogisch und im pädagogischen Raum angeleitet sein zu müssen. Die Dimension von ‚Erziehung‘ (im weitgefassten Sinn) und ‚Bildung‘ sind in ‚Medienkompetenz‘ einzudenken“ (Baacke 1997, 100).

Das verblüffende ist hierbei, dass bereits eine vielfältige medienpädagogische Praxis existiert, die explizit auf Baackes Medienkompetenzmodell Bezug nimmt. Aufgabe der bildungstheoretischen Mediendidaktik wäre es dann den Blick auf die medialen Artikualtionen von Subjekten zu legen und diese (im Sinne Diltheys) zu verstehen.


Zusammenfassung

Mediendidaktik kommt in vielen Formen und verfolgt unterschiedliche Ansätze und Ziele. Ob technisch-populistisch, technologisch-funktional, hochschuldidaktisch oder bildungstheoretisch: die Bandbreite der eher nebeneinander existierenden Mediendidaktiken eröffnet verschiedene didaktische Möglichkeiten und Praxen. Dieser kleine Beitrag hat keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll eher ein Gedankenanstoß sein, um das Wesen der Mediendidaktik(en) grob zu clustern. Ich hoffe, dass mit Blick auf das Dilthey-Zitat am Anfang, deutlich geworden ist, dass auch der Anspruch der Mediendidaktiken (Erklären vs. Verstehen) stark variiert und durchaus auch kritisch betrachtet werden kann und muss.

Was haltet ihr von dieser Klassifizierung? Kennt ihr weitere Mediendidaktiken (z.B. medienwissenschaftliche Mediendidaktik?)? Lassen sich bestimmte Mediendidaktiken zusammenlegen oder noch weiter ausdifferenzieren? Lasst es mich wissen in den Kommentaren oder über eine Ergänzung auf GitHub ;D

Literatur

  • Baacke, Dieter. 1997. Medienpädagogik. Walter de Gruyter.
  • Dilthey, Wilhelm. 1990. Die geistige Welt: Einleitung in die Philosophie des Lebens. Erste Halfte: Abhandlungen zur Grundlegung der Geisteswissenschaften Hrsg. von Georg Misch. Vandenhoeck & Ruprecht.
Wenn euch der Beitrag gefällt, dann lasst doch einen Daumen nach oben da.

Fußnoten und Nachweise   [ + ]

1. Nachtrag: Mediendidaktisch und bilungstheoretisch interessant ist hierzu auch das Programm von Markus Deimann, dass er in seiner Antrittsvorlesung eröffnet

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